Die Entscheidung über die Vergabe des "Saarland-Stipendiums" ist gefallen:
Ab dem 1. Juni wird Tobias Graichen für zwei Wochen in das saarländische Tiny-House ziehen und ungestört arbeiten.
Aus vielen Bewerbungen die für das diesjährige Saarland-Stipendium 2026 eingereicht wurden, haben wir ihn ausgewählt. Er ist ein junger Lyriker aus Husum beziehungsweise Hildesheim wo er vor kurzem sein Studium des Literarischen Schreibens mit dem Master abgeschlossen hat.
Er betrachtet zwei Wochen lang die Welt vom Zentrum Europas aus, ohne sich um Alltägliches kümmern zu müssen. Dieser Blickwinkel und diese entspannte Zeit sollen künstlerisch genutzt werden, und den Saarländer*innen im Nachgang in einer Ausstellung, einer Lesung, einer Publikation oder Ähnlichem gezeigt werden. Er steht an einem Punkt in seinem künstlerischen Schaffen, wo er unserer Meinung nach Bestärkung braucht, dass seine Arbeit trotz einer verwirrten Welt Relevanz hat. Wir versuchen neben der Stärkung seines künstlerischen Selbstverständnisses unsere Erfahrungen des Überlebens als freischaffende Künstler*innen mit ihm zu teilen.
draußen sein
draußen sein zu seltsamen zeiten
unendliches surfen und telefonieren
von platon hat man selbst eigentlich sehr wenig
denn er hat kaum geschriebenes hinterlassen
wie die lehre eines siebten kontinentes
als gegengewicht zum globalen norden
denn sehen sie, wenn man hier den stift reinsteckt
und das papier dann biegt, wird folgendes –
jeden tag erklärt mir mein vater unsere planeten.
und jede nacht, abgelenkt von den geistern meines gehirns
vergesse ich, was er mir sagt – tief schreckliche nacht! es
gibt kaum eine instanz, die so schreckhafte dinge tut
wie du. ich weigere mich, das auszuführen.
so auch in der nacht, in der c. und t. dem silvester-
spektakel auf dem messegelände beiwohnten
wir aber hingestreckt auf unseren betten lagen.
es ist eine krankheit, eine einzige. was hab ich
nicht alles gesehen, was sich nicht durch einen guten
softair-krieg hätte aus der welt schaffen lassen, auf
dem gelände von h&d z.b., auf dem wir noch
jahre später vor evtl. drogendealern davonliefen
und den abhang runter in deckung sprangen.
zu seltsamen zeiten waren wir da draußen
ich glaub es kaum, wenn ich heut den platz auf meiner
sim-card anguck. zusammenfassend lässt sich
aber sagen, dass bisher immer alles zu spät kam.
jede lösung und jedes problem, jede träne
für etwas, das nicht mehr aufgehalten werden konnte.
es ist wie politik. gegebenenfalls willst du dir das notieren.es ist wahr. ich saß für stundenlang
am autobahnkreuz wuppertal-nord. ich bin
das fahren, ich bin das rauschen, das freizeichen
der zivilisation, ich bin der wind um die ampeln
und rampen, bin der asphalt und die
organische umgebung, ich bin die wolken
am grauen himmel, bin der himmel, der
grau ist. ich bin die mama, ich bin der papa
was ich alles bin! ich bin das kind von dem
pferd, ich bin bitumen im belag und den brücken
bin die kurven der kleeblätter und die erkenntnis
des sommers mit s. und b. ganz seltsam
dass ich das schlechte wetter nicht bin! aber
abwarten. ausgesetzt ist der geist ungeheuren
kräften der biegungen der zeit. kaum weiter
entfernt das pochende herz als in den spitzen der finger.
und beleidigend simple funktionen, die
bewegungen der filamente und zerfälle
von molekülen im blut. wie in der
rückschau die verwerfungen des sommers
mit b. und s. mich regelmäßig in gebiete
brachten, die vorher zwar bekannt, doch mir
so völlig unerschlossen waren, dass ich
dachte, ich wär in etwas aufgestiegen
und die ganzen häuser, menschen und interieurs
nur meinetwegen aufgefaltet worden.
nur drei sommer vorher beschränkte sich
die welt auf kaum drei zimmer und ein dorf
und einen monat oder mehr fand sie mich höchstens
burgerbrötchen suchen in seltsamen filialen
abgelegener ketten und während alles draußen genießen
und verdienen war, saß ich mit einer
meiner vielen krisen vorm pc und las
von fanschnittfassungen von star wars.
denn sehen sie, wenn man hier den stift reinstecktund das papier dann biegt –
hier fährt ein mensch mit einem auto
die holländerrampen hinauf und zweigt ab. nach ende des spiels
dauerte der schneefall die ganze nacht an.
die unfallstellen der gegenfahrbahn tauchten am rande
unserer aufmerksamkeit auf und verschwanden, ich sah
ganz nah ganz kurz, was ich für das zertrümmerte
gesicht eines menschen hielt oder seinen fuß.
und kein mitleid taucht aus meinem gedächtnis auf
nur der gedanke jahre später, als ich bei der
maniküre saß, dass dinge weder logisch auseinander
noch völlig zufällig geschähen – mach
daraus, was du willst.es ist wahr. was ist es mit den elementen des himmels
dass sie durch finger rinnen, sobald sich etwas ihnen nähert?
in den wertkomplexen, durch die wir uns bewegen, fällt das
gar nicht auf. wir laufen, schieben schwaden blütenblätter
mit dem fuß zur seite, und zwei grundstücke weiter wird der
rasen ausgerollt und an den ecken vertäut, genau symmetrisch
über den grünen stahlzaun in der mitte, am ersten tag bei z.
jemand versuchte mir kants selbstbildung zu erklären, doch ich
sah nur den kreisverkehr am bahnhof vor mir, vorm geschlossenen real.
später am abend mussten wir an p. denken, der beim letzten usa-spiel
noch am leben war, doch niemand sagte das.
verlassen liegen die oberflächenverwerfungen von planetoiden
da und eingefroren auf seltsamen umlaufbahnen
weit außerhalb der möglichkeiten unseres eingriffs. die zacken der gelände
ihre verwinkelungen und lokalen kuriositäten liegen einfach da
sie zeigen raus ins all und zeigen gar nichts an
du siehst die bilder, hergeschickt in kilobyte-bandbreiten
und siehst nichts, nichts nennenswertes, nichts
was dich irgendetwas angehen würde, und streckst die finger
aus nach mehr. milliarden milliliter wasser werden
in den himmeln sichtbar, driften und vergehen, regnen sich dann ab.
wir grübeln den dingen am himmel nach, sagt man
und machen unrecht zu recht und stehen
im regen. das hatte manchmal etwas gutes, wie am ersten
tag bei z., der alles wegwusch, was an hitze in der luft hing
durch die rasenrollen ging in die drainagen, schottergärten
unterspülte und in den nächsten tagen fand man 15 tote hühner
in dem schrebergarten nebenan.
und länger in der flüssigkeit und meine hand kühlt
ab bis an den punkt, an dem das spreizen
nicht mehr weh tut, sondern ganz unmöglich ist.es ist wahr. ich träume auch, der geruch überraschte mich
von regen, der das spielfeld überrascht. die löcher
in den zäunen, die tore für die kleinen und die großen
und hinterm maschendraht gestrüpp, der müll, die schienen
ein gewirr aus einem guss. nudelsalat, die lucky strikes
und feinen pralinen waren hier, bevor sie umgesiedelt wurden.
überall erheben brombeeren anspruch auf den platz als hecke
am stadion vorbei, die laufbahn lang und an der schulturnhalle
bei den tennisplätzen, auf denen ich nie war. der geschmack
wird dünn und reißt gleich auf der zunge auseinander
wenn man an ihn denkt. im gras besteck, im löffel
sammelt sich das feuchte. die hütte
über der ersatzbank gibt seit jahren
nach und nichts passiert. im hain dahinter begegnet
mir ein hahn. wir sagen beide nichts.es ist wahr. hier war eine straße, jetzt
ist hier nur noch der fluss. denn niemand
ist sicher, verstehst du, niemand auch
nur in all den clownautos, die tags voll
besetzt die straße durch den ort abfahren
hin und her und wieder zurück
unbestimmt, wie oft, man kann
sich ja alles schönrechnen. sie holen ihr
smartphone raus, schauen rauf, dehnen ihren
nacken, so, und bam! rückenschmerzen, nackenkrampf
und so, ganz schlimm! also besser so:
2x morgens zahnseide, 4x lebertran, ganz dicht
meinst du, über unseren augen gehen die schauer
runter, ohne zu tuschieren, geben winzigste
partikel ab, rekombinieren, irgendwann vielleicht
zum letzten mal. die alarmanlagen an den häusern
leuchten einmal auf, die in den autos quieken
einmal nochmal auf und dann ist alles weg
verschluckt vom eigenen gewicht, so, bam! und dann
noch mit den füßen auf den berg
bei seltsamem wetter, würde man sich wünschen
wenn man könnte. nichts wissen von regen-
gebieten, die über die regionen ziehen: wenn es
regnet, regnet es, oder auch nicht. wenn es regnet
wird man nass und muss ein fußbad nehmen nach der schule
man kann nicht warten, sich schützen, anders umgehen
mit etwas, das ist, oder es ist nicht. ein baum
sein, ein pflasterstein, die straße. die feigling-
flaschen in der ersten klasse. draußen sein, nicht sicher sein
und immer noch zu jung.es ist wahr. von lieferwagen wird gesprochen,
von handwerkern und näherinnen und es scheint
wir sagen immer nur dasselbe auf die selbe art.
die bäume lassen wir die fäuste geballt
in unsere bäuche schwingen, wir sagen vielleicht:
verdiente gewalt und: vererbte natur. vielleicht auch andersrum.
das nougat schmolz mir damals schon im sommer 10
so weg wie regen übers dach, als briefe eines toten.
man ging da manchmal raus und wusste nicht, warum
bei regen und bei leerem haus, evtl. die regentonne
schließen, wenn der wind weht, oder unter bäumen
stehn und in die gegend schauen. wir haben jetzt
doch ferien, oder? die zeit getrennt von t. nicht vorstellen
können. danach so weiter wie bisher, m. pfeift
im matsch ein trainingsspiel, wir sitzen nur im unterstand
und hören auf den regen und die trainerrufe.
zu seltsamen zeiten waren wir dann online
ich glaub es kaum, wenn ich mir heut
die screenshots anguck.
h., den ich nie sah, traf irgendwann dann mich
in diesem spiel. und jahre später fragt man sich
warum man nicht mehr spielt. und vergess ich
meine chronologie? die daten der dateien decken
nicht den ganzen sommer ab, ich müsste jeden tag
und, besser, jede stunde einmal beiläufig auf
speichern unter drücken, ohne überschreiben.es ist wahr. egal wie oft man es versucht
die bilder von vor jahren erweisen sich als
wenig mehr stabil als ihre elemente, diese leichtesten
partikel, die wir kennen, und kaum streckt man
auch nur geistig seine finger aus, entwischen sie
je öfter man es angeht, immer leichter. egal
wie oft man es versucht, egal wie viel zeit
verschwendet wird vor dem pc, wie viel
material gesichert und gesichtet wird, die motive
auf den taschentücherpäckchen kann ich nicht
mehr wiederbringen am ersten tag bei z.
vieles klickt in seine position, wenn man es traum nennt.
große räume, monumente, sichtbeton, das alles
in den achsen, zwischen die man grünanlagen
mit lineal und bleistift eingetragen hat.
erzähl ein bisschen. wie die unterschiede zwischen den jahren
und die zeitabstände kleiner werden, ich in regen kam
an diesem und an jenem tag in n. und später
duschend in die luft starrte und weiter
starrte bei tee und teegebäck. es sind diese
vielleicht aberrationen, über die man spricht
und sie so macht, wie feuer oder man nachts
aufschreckt, weil man weiß, dass keine zeit
für fingerübungen mehr ist.na gut. die schokolade muss fürs erste reichen
aus dem schleswiger karstadt im sommer 09
der jetzt nicht mehr steht. und nicht nur
schokolade, auch die gummibärchen
die sauren schnüre und nutella-snacks
im schluss-. aus-, endverkauf, die ich meine
ausgegraben zu haben aus den bodenlosen
grabbeltischen, die nur im erdgeschoss noch standen, rund
um den rolltreppenschacht.
die schokolade reicht vielleicht um mich zurückzustellen
in die mitte dieser meute, die versuchten zu verwerten
was noch zu verwerten war, und die ich ausstach
über süßigkeiten
oder in die trostlose passage gegenüber
die nur aus asianudeln und dem ausgang zum parkdeck bestand.
aber es ist vorbei, das gebäude geebnet
und der boden gesalzen.
man denke an die wanderbewegungen, die folgen
die versandung der schlei, das verlassen
der marschen und zurückrücken des hinterlandes
an den rand unserer aufmerksamkeit. irgendwann
wenn man vergessen hat, dass dieser landstrich
fruchtbar ist, wird zeit sein, an die man sich
später wieder erinnert, als eine, die viel versprach
und weniger hielt. wo in diesen wirren
exponate wie die leichen von windeby blieben
oder die schiffsskelette, die hier und da
aus den torfen zurückgekehrt sind, die kostbaren
fibeln, äxte und stoffe von denen, die
vorher von diesem land enttäuscht wurden, wird
wohl offen bleiben – wo nichtmal rekonstruiert
werden kann, mit welcher sorte schokolade
ich an dem tag hedeby ignorierte, nein nein. aber
man kann wohl sagen, dass sie da sind
wo sie hineinpassen, und bald wird archäologievielleicht die spuren der archäologie entschlüsseln
und die bewegungen der toten aus dem moor
heraus in unsere städte.


