Mittwoch, 15. April 2026

Das Saarland-Stipendium 2026

Die Entscheidung über die Vergabe des "Saarland-Stipendiums" ist gefallen:

Ab dem 1. Juni wird Tobias Graichen für zwei Wochen in das saarländische Tiny-House ziehen und ungestört arbeiten.



Aus vielen Bewerbungen die für das diesjährige Saarland-Stipendium 2026 eingereicht wurden, haben wir ihn ausgewählt. Er ist ein junger Lyriker aus Husum beziehungsweise Hildesheim wo er vor kurzem sein Studium des Literarischen Schreibens mit dem Master abgeschlossen hat.

Er betrachtet zwei Wochen lang die Welt vom Zentrum Europas aus, ohne sich um Alltägliches kümmern zu müssen. Dieser Blickwinkel und diese entspannte Zeit sollen künstlerisch genutzt werden, und den Saarländer*innen im Nachgang in einer Ausstellung, einer Lesung, einer Publikation oder Ähnlichem gezeigt werden. Er steht an einem Punkt in seinem künstlerischen Schaffen, wo er unserer Meinung nach Bestärkung braucht, dass seine Arbeit trotz einer verwirrten Welt Relevanz hat. Wir versuchen neben der Stärkung seines künstlerischen Selbstverständnisses unsere Erfahrungen des Überlebens als freischaffende Künstler*innen mit ihm zu teilen.


Eines seiner Gedichte zur Kostprobe:

draußen sein

draußen sein zu seltsamen zeiten

unendliches surfen und telefonieren

von platon hat man selbst eigentlich sehr wenig

denn er hat kaum geschriebenes hinterlassen

wie die lehre eines siebten kontinentes

als gegengewicht zum globalen norden

denn sehen sie, wenn man hier den stift reinsteckt

und das papier dann biegt, wird folgendes –

jeden tag erklärt mir mein vater unsere planeten.

und jede nacht, abgelenkt von den geistern meines gehirns

vergesse ich, was er mir sagt – tief schreckliche nacht! es

gibt kaum eine instanz, die so schreckhafte dinge tut

wie du. ich weigere mich, das auszuführen.

so auch in der nacht, in der c. und t. dem silvester-

spektakel auf dem messegelände beiwohnten

wir aber hingestreckt auf unseren betten lagen.

es ist eine krankheit, eine einzige. was hab ich

nicht alles gesehen, was sich nicht durch einen guten

softair-krieg hätte aus der welt schaffen lassen, auf

dem gelände von h&d z.b., auf dem wir noch

jahre später vor evtl. drogendealern davonliefen

und den abhang runter in deckung sprangen.

zu seltsamen zeiten waren wir da draußen

ich glaub es kaum, wenn ich heut den platz auf meiner

sim-card anguck. zusammenfassend lässt sich

aber sagen, dass bisher immer alles zu spät kam.

jede lösung und jedes problem, jede träne

für etwas, das nicht mehr aufgehalten werden konnte.

es ist wie politik. gegebenenfalls willst du dir das notieren.es ist wahr. ich saß für stundenlang

am autobahnkreuz wuppertal-nord. ich bin

das fahren, ich bin das rauschen, das freizeichen

der zivilisation, ich bin der wind um die ampeln

und rampen, bin der asphalt und die

organische umgebung, ich bin die wolken

am grauen himmel, bin der himmel, der

grau ist. ich bin die mama, ich bin der papa

was ich alles bin! ich bin das kind von dem

pferd, ich bin bitumen im belag und den brücken

bin die kurven der kleeblätter und die erkenntnis

des sommers mit s. und b. ganz seltsam

dass ich das schlechte wetter nicht bin! aber

abwarten. ausgesetzt ist der geist ungeheuren

kräften der biegungen der zeit. kaum weiter

entfernt das pochende herz als in den spitzen der finger.

und beleidigend simple funktionen, die

bewegungen der filamente und zerfälle

von molekülen im blut. wie in der

rückschau die verwerfungen des sommers

mit b. und s. mich regelmäßig in gebiete

brachten, die vorher zwar bekannt, doch mir

so völlig unerschlossen waren, dass ich

dachte, ich wär in etwas aufgestiegen

und die ganzen häuser, menschen und interieurs

nur meinetwegen aufgefaltet worden.

nur drei sommer vorher beschränkte sich

die welt auf kaum drei zimmer und ein dorf

und einen monat oder mehr fand sie mich höchstens

burgerbrötchen suchen in seltsamen filialen

abgelegener ketten und während alles draußen genießen

und verdienen war, saß ich mit einer

meiner vielen krisen vorm pc und las

von fanschnittfassungen von star wars.

denn sehen sie, wenn man hier den stift reinstecktund das papier dann biegt –

hier fährt ein mensch mit einem auto

die holländerrampen hinauf und zweigt ab. nach ende des spiels

dauerte der schneefall die ganze nacht an.

die unfallstellen der gegenfahrbahn tauchten am rande

unserer aufmerksamkeit auf und verschwanden, ich sah

ganz nah ganz kurz, was ich für das zertrümmerte

gesicht eines menschen hielt oder seinen fuß.

und kein mitleid taucht aus meinem gedächtnis auf

nur der gedanke jahre später, als ich bei der

maniküre saß, dass dinge weder logisch auseinander

noch völlig zufällig geschähen – mach

daraus, was du willst.es ist wahr. was ist es mit den elementen des himmels

dass sie durch finger rinnen, sobald sich etwas ihnen nähert?

in den wertkomplexen, durch die wir uns bewegen, fällt das

gar nicht auf. wir laufen, schieben schwaden blütenblätter

mit dem fuß zur seite, und zwei grundstücke weiter wird der

rasen ausgerollt und an den ecken vertäut, genau symmetrisch

über den grünen stahlzaun in der mitte, am ersten tag bei z.

jemand versuchte mir kants selbstbildung zu erklären, doch ich

sah nur den kreisverkehr am bahnhof vor mir, vorm geschlossenen real.

später am abend mussten wir an p. denken, der beim letzten usa-spiel

noch am leben war, doch niemand sagte das.

verlassen liegen die oberflächenverwerfungen von planetoiden

da und eingefroren auf seltsamen umlaufbahnen

weit außerhalb der möglichkeiten unseres eingriffs. die zacken der gelände

ihre verwinkelungen und lokalen kuriositäten liegen einfach da

sie zeigen raus ins all und zeigen gar nichts an

du siehst die bilder, hergeschickt in kilobyte-bandbreiten

und siehst nichts, nichts nennenswertes, nichts

was dich irgendetwas angehen würde, und streckst die finger

aus nach mehr. milliarden milliliter wasser werden

in den himmeln sichtbar, driften und vergehen, regnen sich dann ab.

wir grübeln den dingen am himmel nach, sagt man

und machen unrecht zu recht und stehen

im regen. das hatte manchmal etwas gutes, wie am ersten

tag bei z., der alles wegwusch, was an hitze in der luft hing

durch die rasenrollen ging in die drainagen, schottergärten

unterspülte und in den nächsten tagen fand man 15 tote hühner

in dem schrebergarten nebenan.

und länger in der flüssigkeit und meine hand kühlt

ab bis an den punkt, an dem das spreizen

nicht mehr weh tut, sondern ganz unmöglich ist.es ist wahr. ich träume auch, der geruch überraschte mich

von regen, der das spielfeld überrascht. die löcher

in den zäunen, die tore für die kleinen und die großen

und hinterm maschendraht gestrüpp, der müll, die schienen

ein gewirr aus einem guss. nudelsalat, die lucky strikes

und feinen pralinen waren hier, bevor sie umgesiedelt wurden.

überall erheben brombeeren anspruch auf den platz als hecke

am stadion vorbei, die laufbahn lang und an der schulturnhalle

bei den tennisplätzen, auf denen ich nie war. der geschmack

wird dünn und reißt gleich auf der zunge auseinander

wenn man an ihn denkt. im gras besteck, im löffel

sammelt sich das feuchte. die hütte

über der ersatzbank gibt seit jahren

nach und nichts passiert. im hain dahinter begegnet

mir ein hahn. wir sagen beide nichts.es ist wahr. hier war eine straße, jetzt

ist hier nur noch der fluss. denn niemand

ist sicher, verstehst du, niemand auch

nur in all den clownautos, die tags voll

besetzt die straße durch den ort abfahren

hin und her und wieder zurück

unbestimmt, wie oft, man kann

sich ja alles schönrechnen. sie holen ihr

smartphone raus, schauen rauf, dehnen ihren

nacken, so, und bam! rückenschmerzen, nackenkrampf

und so, ganz schlimm! also besser so:

2x morgens zahnseide, 4x lebertran, ganz dicht

meinst du, über unseren augen gehen die schauer

runter, ohne zu tuschieren, geben winzigste

partikel ab, rekombinieren, irgendwann vielleicht

zum letzten mal. die alarmanlagen an den häusern

leuchten einmal auf, die in den autos quieken

einmal nochmal auf und dann ist alles weg

verschluckt vom eigenen gewicht, so, bam! und dann

noch mit den füßen auf den berg

bei seltsamem wetter, würde man sich wünschen

wenn man könnte. nichts wissen von regen-

gebieten, die über die regionen ziehen: wenn es

regnet, regnet es, oder auch nicht. wenn es regnet

wird man nass und muss ein fußbad nehmen nach der schule

man kann nicht warten, sich schützen, anders umgehen

mit etwas, das ist, oder es ist nicht. ein baum

sein, ein pflasterstein, die straße. die feigling-

flaschen in der ersten klasse. draußen sein, nicht sicher sein

und immer noch zu jung.es ist wahr. von lieferwagen wird gesprochen,

von handwerkern und näherinnen und es scheint

wir sagen immer nur dasselbe auf die selbe art.

die bäume lassen wir die fäuste geballt

in unsere bäuche schwingen, wir sagen vielleicht:

verdiente gewalt und: vererbte natur. vielleicht auch andersrum.

das nougat schmolz mir damals schon im sommer 10

so weg wie regen übers dach, als briefe eines toten.

man ging da manchmal raus und wusste nicht, warum

bei regen und bei leerem haus, evtl. die regentonne

schließen, wenn der wind weht, oder unter bäumen

stehn und in die gegend schauen. wir haben jetzt

doch ferien, oder? die zeit getrennt von t. nicht vorstellen

können. danach so weiter wie bisher, m. pfeift

im matsch ein trainingsspiel, wir sitzen nur im unterstand

und hören auf den regen und die trainerrufe.

zu seltsamen zeiten waren wir dann online

ich glaub es kaum, wenn ich mir heut

die screenshots anguck.

h., den ich nie sah, traf irgendwann dann mich

in diesem spiel. und jahre später fragt man sich

warum man nicht mehr spielt. und vergess ich

meine chronologie? die daten der dateien decken

nicht den ganzen sommer ab, ich müsste jeden tag

und, besser, jede stunde einmal beiläufig auf

speichern unter drücken, ohne überschreiben.es ist wahr. egal wie oft man es versucht

die bilder von vor jahren erweisen sich als

wenig mehr stabil als ihre elemente, diese leichtesten

partikel, die wir kennen, und kaum streckt man

auch nur geistig seine finger aus, entwischen sie

je öfter man es angeht, immer leichter. egal

wie oft man es versucht, egal wie viel zeit

verschwendet wird vor dem pc, wie viel

material gesichert und gesichtet wird, die motive

auf den taschentücherpäckchen kann ich nicht

mehr wiederbringen am ersten tag bei z.

vieles klickt in seine position, wenn man es traum nennt.

große räume, monumente, sichtbeton, das alles

in den achsen, zwischen die man grünanlagen

mit lineal und bleistift eingetragen hat.

erzähl ein bisschen. wie die unterschiede zwischen den jahren

und die zeitabstände kleiner werden, ich in regen kam

an diesem und an jenem tag in n. und später

duschend in die luft starrte und weiter

starrte bei tee und teegebäck. es sind diese

vielleicht aberrationen, über die man spricht

und sie so macht, wie feuer oder man nachts

aufschreckt, weil man weiß, dass keine zeit

für fingerübungen mehr ist.na gut. die schokolade muss fürs erste reichen

aus dem schleswiger karstadt im sommer 09

der jetzt nicht mehr steht. und nicht nur

schokolade, auch die gummibärchen

die sauren schnüre und nutella-snacks

im schluss-. aus-, endverkauf, die ich meine

ausgegraben zu haben aus den bodenlosen

grabbeltischen, die nur im erdgeschoss noch standen, rund

um den rolltreppenschacht.

die schokolade reicht vielleicht um mich zurückzustellen

in die mitte dieser meute, die versuchten zu verwerten

was noch zu verwerten war, und die ich ausstach

über süßigkeiten

oder in die trostlose passage gegenüber

die nur aus asianudeln und dem ausgang zum parkdeck bestand.

aber es ist vorbei, das gebäude geebnet

und der boden gesalzen.

man denke an die wanderbewegungen, die folgen

die versandung der schlei, das verlassen

der marschen und zurückrücken des hinterlandes

an den rand unserer aufmerksamkeit. irgendwann

wenn man vergessen hat, dass dieser landstrich

fruchtbar ist, wird zeit sein, an die man sich

später wieder erinnert, als eine, die viel versprach

und weniger hielt. wo in diesen wirren

exponate wie die leichen von windeby blieben

oder die schiffsskelette, die hier und da

aus den torfen zurückgekehrt sind, die kostbaren

fibeln, äxte und stoffe von denen, die

vorher von diesem land enttäuscht wurden, wird

wohl offen bleiben – wo nichtmal rekonstruiert

werden kann, mit welcher sorte schokolade

ich an dem tag hedeby ignorierte, nein nein. aber

man kann wohl sagen, dass sie da sind

wo sie hineinpassen, und bald wird archäologievielleicht die spuren der archäologie entschlüsseln

und die bewegungen der toten aus dem moor

heraus in unsere städte.